Manchmal flehen wir den Herrn um eine bestimmte Antwort an, und sie kommt nicht so, wie wir es erwartet haben, oder sie scheint überhaupt nicht zu kommen.
Manchmal scheint der Himmel zu schweigen. Und dieses Schweigen kann schwierig zur ertragen und zu einer Last werden – vor allem, wenn unsere Kraft nachlässt.
Im Rahmen eines Auftrags aß ich gemeinsam mit wunderbaren jungen Erwachsenen, die sich darauf vorbereiteten, eine FSY-Tagung zu leiten, und lernte dabei etwas, was ich nicht vergessen werde.
Ein musikalisch begabter junger Mann erzählte mir, dass er den Herrn manchmal um Führung bittet, ohne dann eine klare Antwort zu erhalten. Er geht dann trotz der Ungewissheit im Glauben voran und bemüht sich, sein Bestes zu geben. Dieses „Schweigen des Himmels“ kann schwierig sein; wir können uns verloren fühlen oder glauben, dass Gott nicht zuhört.
Der junge Mann fügte hinzu, dass er eines Tages etwas verstanden hatte: In der Musik sind Pausen kein Fehler; sie sind Teil der Musik. Sie verleihen dem Stück Form und Bedeutung. Ohne Pausen gibt es kein Atmen und keine Form; ohne sie gibt es keine Melodie. Er spürte, dass so manches Schweigen in der „Musik“ des Herrn ebenfalls einen Zweck hat: Es ist Teil eines größeren Werkes.
Der Herr selbst zeigt uns, dass er nicht immer auf spektakuläre Weise spricht. Wir lesen, dass Elija bei einem Erlebnis feststellte, dass der Herr weder im heftigen Sturm noch im Erdbeben noch im Feuer war, sondern in einem „sanften, leisen Säuseln“1. Manchmal gibt es sogar eine Pause. Und in dieser Zeit kann der Herr etwas in uns formen: Demut, Geduld, Vertrauen.
Schweigen bedeutet jedoch nicht, dass wir verlassen sind.
In Jesaja heißt es: „Ich vergesse dich nicht. … Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.“2 Und im Hebräerbrief bestätigt der Herr: „Ich werde dich keineswegs aufgeben und niemals verlasse ich dich.“3 Gott liebt nicht nur die Menschen „im Allgemeinen“. Er liebt jedes Einzelne seiner Kinder und kennt jede Einzelheit unseres Lebens sowie die Wünsche unserer Seele.
Daher ist im Buch Mormon von der „liebevollen, großen Barmherzigkeit des Herrn“4 die Rede. Durch Kleines – aber ganz real – macht der Herr uns immer wieder darauf aufmerksam: „Ich bin hier.“ Manchmal erhalten wir so etwas nicht als unmittelbare Lösung, sondern als Unterstützung: Bestätigung und Licht, das die Hoffnung wieder entfacht.
Eine Schwester, die mir sehr am Herzen liegt, hat mir von einem Erlebnis erzählt, das sie kürzlich hatte. Nach einer langen Zeit, in der der Himmel „geschwiegen“ hatte, war es schwierig geworden, am Glauben festzuhalten. Eines Sonntags wollte sie nicht in die Kirche gehen, entschied sich jedoch, auf ihre innere Stimme zu hören und zumindest diesen einen Schritt zu machen: Sie wollte anwesend sein, auch wenn ihr Glaube „klein“ war.
Da erwies ihr der Herr durch etwas Einfaches und fast Gewöhnliches liebevoll Barmherzigkeit. Sie beobachtete, wie ein junger Mann mit erheblichen Schwierigkeiten das Abendmahl austeilte, unterstützt durch die Fürsorge und bedingungslose Liebe seines Vaters. Nichts Spektakuläres. Nichts Großes. Aber es war eine klare und persönliche Botschaft – so, als hätte der Himmel in ihrer eigenen „geistigen Sprache“ zu ihr gesprochen und gesagt: „Ich bin hier. Ich sehe dich. Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich hab dich lieb!“
Dies ist die Kernbotschaft: Solch liebevolle und barmherzige Hilfe erhalten wir nicht nach dem Zufallsprinzip. Sie ist ein Zeichen der Liebe, die durch das Sühnopfer des Erretters Jesus Christus möglich gemacht wurde.
Manchmal sprechen wir von seinem Sühnopfer nur im Zusammenhang mit Vergebung, und diese ermöglicht es ja auch – auf herrliche Weise. Aber sein Sühnopfer ist auch eine helfende Macht – die Macht, auszuharren, uns zu erheben, durchzuhalten und es erneut zu versuchen.
Alma hat klar und deutlich verkündet, dass der Erretter „Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen“ auf sich genommen hat, damit er „gemäß dem Fleische wisse, wie er seinem Volk beistehen könne“5. Uns beizustehen bedeutet, uns jetzt, im richtigen Augenblick, auf genau die Art und Weise zu helfen, von der er weiß, dass wir sie brauchen. Der Herr nimmt uns die Last nicht immer sofort, aber er verheißt: „Ich werde … die Lasten, die euch auf die Schultern gelegt sind, leicht machen, … damit ihr … wisst, dass ich … mich meines Volkes in seinen Bedrängnissen annehme.“6
Wenn Sie den Eindruck haben, dass der Himmel schweigt, und Sie auf eine Antwort warten, die nicht deutlich kommt, dann geben Sie nicht auf. Verwechseln Sie eine Pause nicht mit Abwesenheit.
Manchmal gehört Schweigen zur Musik des Herrn. Und selbst dann erweist er uns in den Details weiterhin liebevoll Barmherzigkeit – und zwar manchmal auf so persönliche Weise, dass nur unser Herz es versteht. Das macht es nicht weniger real; es macht es heiliger.
Denn der Erretter Jesus Christus beschränkt sich nicht aufs Reden. Er leistet Beistand. Er gibt Kraft. Er bleibt bei uns.
Ich bezeuge, dass sein Sühnopfer real und ausreichend ist, um uns nicht nur rein zu machen, sondern auch zu stärken, wenn wir keine Kraft mehr haben. Ich weiß, dass der Vater im Himmel seine Kinder nicht vergisst. Ich weiß, dass sein Wirken alle Aspekte unseres Lebens umfasst. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Erretter selbst dann wirkt, wenn der Himmel zu schweigen scheint – und manchmal verwendet er dabei eine so persönliche Sprache, dass nur wir sie verstehen. Im Namen Jesu Christi. Amen.
Anmerkungen
- Siehe 1 Könige 19:11-13
- Jesaja 49:15,16
- Hebräer 13:5
- 1 Nephi 1:20
- Alma 7:11,12
- Mosia 24:14,15